Jungle World, Deutschland, 06.08.2003

Leonie Fuhrmann

Wer kämpfen will, muss hören

Die zapatistische Kommunikationsguerilla in Mexiko macht Radio –
jetzt auch auf Kurzwelle.


Wenn du von tausenden Soldaten umzingelt lebst, wenn du der Regierung längst nicht mehr glaubst, wenn du von Paramilitärs bedroht oder verfolgt wirst oder sie dich vertrieben haben; wenn du Teil des Kampfes bist und nichts zu tun hast – dann höre Radio Insurgente, aus den Bergen des mexikanischen Südostens«, sagt eine Frauenstimme. Es folgt Musik, ein mexikanischer corrido. Aus allen Hütten klingt dieselbe Melodie, sie weht durch die abgelegensten Täler des mexikanischen Bundesstaats Chiapas. Frühmorgens, wenn sie den oft kilometerweiten Weg zu ihrer Parzelle antreten, tragen die Bauern schon ihr kleines Radio bei sich.

Nachmittags kommen Nachrichten. Lokal, national und international. Was für eine Sensation das Radio in diesen Breitengraden ist, verrät ein kleiner alter Mann mit breitkrempigen Hut und bunten Troddeln. »Wir haben jetzt sogar Nachrichten über Irak!«, sagt er stolz, in der Hand einen winzigen Plastikglobus, auf dem er mit dem Finger auf das arabische Land zeigt. Die Nachrichten werden wie das gesamte Programm in mehreren Sprachen gesendet: Neben Spanisch wird alles in mindestens zwei der chiapanekischen Indianersprachen übersetzt. Eröffnet wird die Nachrichtensendung mit dem Satz: »Weil nicht informiert sein genauso schlimm ist wie unbewaffnet sein …«

Bewaffnet ist in dieser Gegend auf den ersten Blick niemand. Dennoch schwelt der Konflikt. Gerade in den letzten Wochen sind die Paramilitärs beunruhigend aktiv, versammeln sich häufig und schießen in die Luft. Ende 1997 haben sie in einem der Dörfer, in Acteal, 45 wehrlose Männer, Frauen und Kinder mit Macheten und Gewehren abgeschlachtet, während die Polizei tatenlos zusah. Seitdem gibt es immer wieder einzelne Tote und Tausende von Vertriebenen, die in Flüchtlingslagern leben.

Damals gab es Radio Insurgente noch nicht, das Radio der Zapatisten. Seit einigen Monaten wird das Programm von mehreren UKW-Sendern ausgestrahlt, die im zapatistischen Gebiet verteilt sind. Radio Insurgente ist in dieser abgeschiedenen Gegend der einzige Sender, der in den lokalen Sprachen sendet und deshalb auch von der Bevölkerung verstanden wird. Denn etwa die Hälfte der Frauen und ein Drittel der Männer sind in dieser immer noch ärmsten und mehrheitlich von Mayas bewohnten Region Mexikos Analphabeten, und viele sprechen kein oder nur schlechtes Spanisch. Im Krieg niedriger Intensität kann das Radio bekanntlich auch eine Waffe sein. Wie manche der vielen täglich eingehenden Hörerwünsche und Zuschriften beweisen, wird Radio Insurgente auch von Soldaten und Paramilitärs gehört. Zuweilen wendet es sich deshalb direkt an sie, um sie zu demoralisieren oder sie zum Desertieren aufzufordern.

Ab 9. August soll es wöchentlich auch eine »intergalaktische« Ausgabe von Radio Insurgente geben, auf Kurzwelle, auf der Frequenz 5,8 Megaherz im 49-Meter-Band. Sie wird auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zu hören sein, mit etwas Glück auch in Europa. Gerüchten zufolge auch bald im Internet. Zapatistensprecher Marcos in einem Kommuniqué von Ende Juli: »Der Sub wird eine einstündige Musiksendung machen, die, wie es sich gehört, im Morgengrauen gesendet wird. Nein, der Sub wird nicht etwa singen, sondern er wird Musik, Märchen und Erzählungen vorstellen.« Die Uhrzeit der Sendung wurde noch nicht bekannt gegeben.

Das UKW-Programm von Radio Insurgente wird hauptsächlich von Frauen gestaltet. Sie haben dafür gesorgt, dass Themen wie die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungs, Gewalt gegen Frauen oder geteilte Verantwortung in der Kindererziehung und Hausarbeit angesprochen werden. So heißt es beispielsweise in einem Spot, der mehrmals am Tag ausgestrahlt wird: »Hey Frau, träumst du von einer schönen Zukunft? Wir können dir sagen, dass du deinen Partner frei wählen kannst und niemand dich zwingen darf, gegen deinen Willen zu heiraten. Das besagt das revolutionäre Frauengesetz der EZLN. Und du hast das Recht, zu deinem Mann Nein zu sagen, wenn du müde bist, dich nicht gut fühlst oder einfach keine Lust hast.«

Das »revolutionäre Frauengesetz«, das 1994 international bekannt gegeben wurde und der EZLN den Ruf der ersten feministischen Guerilla einbrachte, ist noch längst nicht in allen zapatistischen Gemeinden umgesetzt worden. Mancherorts gehen Mädchen immer noch nicht zur Schule, sondern tragen stattdessen ihre Geschwisterchen auf dem Rücken, wie das traditionell üblich war. Dies konstatiert auch Marcos in einer Bilanz der zapatistischen Selbstverwaltung, die er in den letzten Wochen veröffentlicht hat. Chiapas ist eine Gegend, in der sich jahrhundertelang nichts änderte. Bis zum Jahr 1994. Doch auch wenn zapatistische Botschaften heute binnen Stunden um die Welt gehen, brauchen Veränderungen vor Ort ihre Zeit. Manchmal ist das entnervend viel Zeit.

Radio Insurgente ist ein Mittel, um solche Prozesse zu beschleunigen. Das Programm spiegelt in seiner Mischung die Verhältnisse im zapatistischen Autonomiegebiet wider: Sehr Fortschrittliches steht unvermittelt neben sehr Rückständigem. Auf uralte, traditionelle Musik, die für westliche Ohren weder melodisch noch rhythmisch klingt, folgen übergangslos die harten, schnellen Beats von Control Machete. Oft ist den Sprecherinnen anzuhören, dass ihnen die Erfahrung fehlt und sie sich das Medium erst nach und nach erschließen.

Auch die Selbstverwaltung, die seit 1994 im Gebiet der Aufständischen geschaffen wurde, wird erst nach und nach optimiert. In den Kommuniqués der letzten Wochen haben die Zapatisten mitgeteilt, dass die so genannten Aguascalientes, die bisherigen Anlaufstellen für Menschenrechtsbeobachter und internationale Solidarität, durch eine neue, transparentere Struktur ersetzt werden sollen, die vor allem die Zuteilung von Hilfsgeldern gerechter regeln soll. Es habe Probleme gegeben, vor allem im Zusammenhang mit finanzieller Unterstützung von außen: »In den autonomen Gemeinden ist die Entwicklung ungleich, (…) d.h., die bekannteren Gemeinden oder die besser erreichbaren erhalten mehr Unterstützung.« Einzelne hätten sich korrumpieren lassen. Auch solle eine bestimmte Art von Almosen abgeschafft werden, die »einige NGO und internationale Organisationen praktizieren. Sie besteht darin, dass sie entscheiden, was die Gemeinden brauchen, und ohne diese überhaupt zu fragen, nicht nur bestimmte Projekte festlegen, sondern auch noch den Zeitpunkt und die Art ihrer Realisierung.«

In einem Land, in dem die in den siebziger und achtziger Jahren entstandenen sozialen Bewegungen heute zum großen Teil kooptiert oder in Form von Nichtregierungsorganisationen institutionalisiert sind, ist das Misstrauen der zapatistischen Indígenas gegenüber Finanzhilfen von außen ein politischer Trumpf. Doch während die autonomen Gemeinden in Chiapas sich mit internen Reformen befassen, hofft die Regierung von Vicente Fox darauf, dass die Zapatisten langsam in Vergessenheit geraten. Mit der internationalen Ausgabe von Radio Insurgente soll dem begegnet und der politische Druck auf die Regierung erhöht werden. Und mit der Party, zu der sie die gesamte »internationale Zivilgesellschaft« aus Anlass des Sendebeginns und der Umstrukturierung ihrer Selbstregierungen für das kommende Wochenende ins chiapanekische Oventik einladen.

Deutsche Solidaritätsgruppen haben ein Spendenkonto für Radio Insurgente eingerichtet, mit dessen Hilfe das UKW-Netz in Chiapas weiter ausgebaut werden soll:
Nachrichtenpool Lateinamerika e.V., Kontonummer 162 64 108, Postbank Berlin, BLZ 100 100 10, Verwendungszweck: Spende Radio Chiapas